Europas Medikamentenversorgung wackelt: Wie der Nahost-Konflikt Lieferketten bedroht
Raphaela HermighausenEuropas Medikamentenversorgung wackelt: Wie der Nahost-Konflikt Lieferketten bedroht
Europas Arzneimittelversorgung steht wegen steigender Spannungen im Nahen Osten vor wachsenden Risiken. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) warnt, dass militärische Eskalationen und blockierte Handelsrouten die Versorgung des Kontinents mit lebenswichtigen Medikamenten gefährden. Als Reaktion darauf hat der BPI einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, um Lieferketten zu stärken und die Abhängigkeit von Asien – insbesondere von China – zu verringern.
Die Krise begann im frühen März 2026, als die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Schifffahrtsengpässe der Welt, im Zuge des US-Israel-Iran-Konflikts effektiv blockiert wurde. Der kommerzielle Schiffsverkehr brach fast vollständig zusammen; am 9. März passierte nur ein einziges iranisches Schiff die Meerenge. Rund 280 Massengutfrachter sitzen seitdem im Persischen Golf fest, was den Handel mit Trockenfracht um 91 Prozent lahmlegte.
Die Blockade unterbricht etwa 25 Prozent des globalen Seeöltransports und 20 Prozent der Flüssigerdgas-Lieferungen (LNG), die größtenteils nach Asien bestimmt sind. Auch die Verschiffung von Eisenerz und Aluminium ging um 18 beziehungsweise 10 Prozent zurück. Reedereien weichen nun auf die Route um das Kap der Guten Hoffnung aus, was die Transportzeiten um zehn bis vierzehn Tage verlängert und die Kosten in die Höhe treibt. Die Fracht- und Ölpreise sind stark angestiegen und verschärfen so den Druck auf die Lieferketten.
Europas Pharmabranche ist in hohem Maße von Importen aus Asien abhängig – vor allem aus China. Die Strategie des BPI sieht eine engere Verzahnung von Industrie- und Gesundheitspolitik vor und fordert, die Arzneimittelproduktion und -forschung als Teil der nationalen Sicherheitsplanung zu behandeln. Der Plan setzt auf widerstandsfähige Lieferketten, eine Diversifizierung der Handelsbeziehungen und wettbewerbsfähige Produktionsbedingungen, um die pharmazeutische Unabhängigkeit Europas zu sichern.
Mit seinen Vorschlägen will der BPI das europäische Gesundheitssystem vor künftigen Störungen schützen. Durch die Verringerung der Abhängigkeit von asiatischen Importen und die Stärkung der lokalen Produktion soll sichergestellt werden, dass die Arzneimittelversorgung auch in Krisenzeiten stabil bleibt. Höhere Kosten und längere Transportwege werden voraussichtlich so lange anhalten, bis sich die Handelsbedingungen wieder normalisieren.