07 May 2026, 14:30

Halberstadts verlorene jüdische Geschichte und die verdrängte Erinnerung der DDR

Rechteckige Plakette mit 'Adolf Abraham' auf einer Steinwand.

Halberstadts verlorene jüdische Geschichte und die verdrängte Erinnerung der DDR

Halberstadts einst blühende jüdische Gemeinde – ein zentraler Ort des Neo-Orthodoxen Judentums – wurde unter der NS-Herrschaft systematisch ausgelöscht und später in der DDR vergessen. Der Vernichtungsprozess begann mit der Zerstörung der Synagoge während der gewaltsamen Novemberpogrome 1938. Nun untersucht der Historiker Philipp Graf in seinem neuen Buch „Verweigerte Erinnerung“ diese verlorene Geschichte und die Unfähigkeit der DDR, sich mit ihren eigenen autoritären und antisemitischen Tendenzen auseinanderzusetzen.

Die Zerstörung des jüdischen Lebens in Halberstadt setzte am 9. November 1938 ein, als die Synagoge während der reichsweiten Ausschreitungen der „Reichspogromnacht“ niedergebrannt wurde. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war die Gemeinde vollständig vernichtet, ihr Gedenken wurde in den Jahrzehnten der DDR-Herrschaft unterdrückt. 1949 entstand am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte für die Opfer von Zwangsarbeit. Doch die unterirdischen Stollensysteme des Lagers wurden später als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.

Die Gedenkstätte selbst wurde 1969 umgestaltet – zu einem Ort für öffentliche Treuegelöbnisse. Errichtet über den Gräbern von Häftlingen, wandelte sich ihre Funktion von der Erinnerungskultur zur staatlich inszenierten Ritualpraxis. Unterdessen verengte die DDR 1949 ihre offizielle Faschismusanalyse auf rein wirtschaftliche Faktoren. Bis 1989 war selbst dieses eingeschränkte materialistische Deutungsmuster vollständig zusammengebrochen.

Grafs Recherchen zeigen, dass die DDR jüdisches Kulturerbe weitgehend ignorierte – mit wenigen Ausnahmen wie der Musik Lin Jaldatis oder den Romanen von Peter Edel und Jurek Becker. Sein Buch argumentiert, dass sowohl rechtsextreme als auch linksextreme autoritäre Strömungen sowie ein fortbestehender Antisemitismus in der DDR unangefochten blieben. Die Arbeit plädiert für eine kritische Überprüfung veralteter Analyseinstrumente, mit denen diese Themen bisher untersucht wurden.

„Verweigerte Erinnerung“ unterstreicht die Notwendigkeit, neu zu bewerten, wie die DDR ihre autoritäre Vergangenheit und antisemitischen Untertöne aufarbeitete – oder vielmehr nicht aufarbeitete. Das Buch betont zudem, wie wichtig es ist, Halberstadts jüdische Geschichte zu bewahren, die über Jahrzehnte staatlicher Gleichgültigkeit begraben wurde. Ohne eine Auseinandersetzung mit diesen Versäumnissen droht sich das Erbe der Auslöschung in neuen Formen zu wiederholen.

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