Polyworking: Warum Deutschlands Mittelschicht mehrere Jobs braucht, um zu überleben
Anton BlochPolyworking: Warum Deutschlands Mittelschicht mehrere Jobs braucht, um zu überleben
Mehrere Jobs gleichzeitig – das sogenannte „Polyworking“ – ist in Deutschlands Mittelschicht längst zur Normalität geworden. Für viele ist es keine Frage der Wahl mehr, sondern schiere finanzielle Notwendigkeit. Steigende Lebenshaltungskosten und stagnierende Löhne zwingen immer mehr Menschen, sich zusätzliche Tätigkeiten zu suchen, um über die Runden zu kommen.
Eine Umfrage des Instituts Academized aus dem Jahr 2025 zeigt: Jede zweite Person zwischen 26 und 41 Jahren übt mittlerweile mindestens einen Nebenjob aus. Der Trend spiegelt eine tiefgreifende Krise wider: In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Mieten in Deutschland nahezu verdoppelt – ein Anstieg, der die Lohnentwicklung bei Weitem übersteigt. Viele Vollzeitstellen zahlen so wenig, dass Beschäftigte kaum ihre Grundbedürfnisse decken können, geschweige denn für die Zukunft vorsorgen.
Die Anzahl der Teilzeitstellen ist seit 2020 um fast 69 Prozent gestiegen, mit den stärksten Zunahmen in den Großstädten. Doch selbst mehrere Minijobs bieten oft keine Stabilität. Eine Autorin, die seit einem Jahr zwei redaktionelle Tätigkeiten mit freiberuflichen Projekten kombiniert, schildert die Belastung: Befristete Verträge geben keine Planungssicherheit, und die wirtschaftliche Unsicherheit führt zu Entlassungen, besonders unter jungen Akademikern.
Der finanzielle Druck ist unerträglich. Ein einzelner Teilzeitjob reichte kaum, um ihre Miete zu bezahlen – eine Festanstellung war schlicht nicht leistbar. Mittlerweile arbeitet sie 50 bis 60 Stunden pro Woche, leidet unter chronischer Erschöpfung und Schlafmangel. Für die meisten ist Polyworking kein Ausdruck von Ehrgeiz, sondern schieres Überlebensmittel: Es geht darum, private Altersvorsorge zu stemmen oder einfach mit den explodierenden Kosten Schritt zu halten.
Der Aufstieg des Polyworkings offenbart eine harte Wahrheit für Deutschlands Mittelschicht:Da die Löhne mit den Lebenshaltungskosten nicht mithalten, sehen sich immer mehr Menschen gezwungen, sich mit kräftezehrenden Arbeitszeiten über Wasser zu halten. Ohne grundlegende Änderungen bei den Wohnkosten oder Lohnsteigerungen wird sich der Trend voraussichtlich verschärfen – und die Beschäftigten weiter an den Rand der finanziellen Erschöpfung treiben.






