Jacques Tilly trotzt Putins Anklage mit scharfer Karnevalssatire
Frieder LachmannFeiernde, zieht warm an! An Rosenmontag regnet es nicht nur Süßes - Jacques Tilly trotzt Putins Anklage mit scharfer Karnevalssatire
Die Karnevalssaison ist in vollem Gange, doch eine Autorin wird die Feierlichkeiten in diesem Jahr verpassen. Eine Dienstreise verhindert ihre Teilnahme an den Umzügen und satirischen Veranstaltungen, die sie einst regelmäßig besuchte. Unterdessen sorgt Deutschlands provokantester Karnevalskünstler, Jacques Tilly, nicht nur mit seinen Wagenbauten für Schlagzeilen, sondern auch wegen eines Rechtsstreits mit Wladimir Putin.
Die Autorin wuchs im Münsterland auf, einer Region mit tief verwurzelten Karnevalstraditionen. In ihrer Heimatstadt gab es eigene Bräuche – die Einheimischen grüßten sich mit Begriffen wie Festo und DeUnDa. Als Kind nahm sie an Büttenabenden – satirischen Bühnenprogrammen – teil und stand am Rosenmontag am Straßenrand, um die Umzüge zu verfolgen. Mit der Zeit ließ die Begeisterung nach, doch heute, Jahre später, überkommt sie gelegentlich ein Gefühl der Nostalgie nach dem Chaos und der Farbenpracht.
Für den diesjährigen Rosenmontag wird ein Mix aus Schnee und Regen vorhergesagt – doch das wird die Stimmung in Düsseldorf kaum trüben. Jacques Tilly, bekannt für seine scharfe politische Satire, wird erneut mit seinen Wagenbauten im Umzug vertreten sein. Seine neuesten Entwürfe verspotten Putin und trotzen damit einem laufenden Prozess in Moskau.
Am 16. Februar 2026 erhob die russische Justiz in Abwesenheit Anklage gegen Tilly wegen Verleumdung von Staat, Armee und Wladimir Putin persönlich. Ihm wird zudem vorgeworfen, religiöse Gefühle verletzt zu haben – ein Vorwurf, der mit einer Haftstrafe von bis zu zehn Jahren belegt werden kann. Die Verhandlung wird am 26. Februar 2026 fortgesetzt. Unbeeindruckt präsentierte Tilly noch am Tag der Anklageerhebung neue, Putin-thematisierte Wagen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst verurteilte das juristische Vorgehen und rief zur Solidarität mit dem Künstler auf.
Ein Kollege veröffentlichte kürzlich eine Liebeserklärung an den Karneval, die selbst Skeptiker überzeugen könnte. Tillys frühere Werke bleiben unterdessen online abrufbar und zeigen Jahrzehnte mutiger, oft umstrittenen Designs.
Die Autorin wird die diesjährigen Feiern aus der Ferne verfolgen und das Spektakel vermissen, das sie einst so gut kannte. In Düsseldorf werden Tillys Wagen durch die Straßen rollen – eine Mischung aus Satire und Trotz. Doch über allem schwebt der Rechtsstreit, dessen Ausgang ungewiss ist und dessen Folgen weit über die Karnevalssaison hinausreichen.